19. Oktober 2015

antiphonie

antiphonie für MoQin, Bassblockflöte, 2 Katzen und 1 Raben (UA am 21.08.15)

Susanne Fröhlich (Flöten), Lutz Glandien (Komposition), Myriam Rossbach, Mirjam Schollmeyer und Stephan Siegfried (Puppenspiel)

Puppenbau: Ingo Mewes (HfS)

Zwei Katzen und ein Rabe bildeten für die Blockflötistin Susanne Fröhlich und den Komponisten Lutz Glandien die Inspirationsquelle für ihr außergewöhnliches Programm, das sie für das Festival „ Ankunft: Neue Musik“ im Berliner Hauptbahnhof und dessen einzigartige Klangkulisse konzipierten. Die Tiere sind Großpuppen aus der Werkstatt der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, die von AbsolventInnen des Studiengangs Zeitgenössische Puppenspielkunst zum Leben erweckt wurden.

Eine Koproduktion zwischen der Zeitgenössischen Oper Berlin, dem Theater Koblenz und der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ – Abteilung Puppenspielkunst.

15. Oktober 2015

Experiment mit Druckluft #2

Für das Stück „Antikorrosion“ (4. Studienjahr / 38. Jahrgang 2014 ) wurde mit Druckluft experimentiert. Im Bild Friedericke Miller mit Korrosinen-Maske und Ingo Mewes (Werkstatt des Studiengangs Zeitgenössische Puppenspielkunst).

10. Oktober 2015

Puppenfundus

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© Franziska Hauser

Der Theatergeruch scheint sich vor allem aus Staub und Holz zusammenzusetzen. Aber nur Staub und Holz wäre: Dachboden. Im Puppenfundus riechen dazu vermutlich Farbe, Latex, Gummimilch, Textilien aller Art und Metall. Die Puppen brauchen keine frische Luft und kein Sonnenlicht. Tausende Marionetten, Stabpuppen, Klappmaulfiguren und Handpuppen hängen an Gittern bis unter die Decke. Während ich ihnen den Rücken kehre und die schweren Moltonvorhänge öffne, kneifen sie hinter mir die Augen zusammen und halten sich die hölzernen Hände vors Gesicht. Aber als ich mich umdrehe, sind sie augenblicklich wieder starr. Ich gehe durch die Reihen und die Köpfe sehen mich an, von oben herab, dass ich das Gefühl habe, sie drehen mir die Hälse hinterher. Es sind wunderschöne, traurige, witzige und herrlich hässliche darunter. Zu manchen fallen mir Lehrerinnen aus meiner Kindheit ein. Ich begegne auch dem lieben Hausmeister vom Kindergarten, und einem gruseligen Nachbarn. Sie hängen hier nebeneinander, dabei kannten sie sich gar nicht. Die Puppenbauer werden vermutlich auch Vorbilder im Kopf gehabt haben, während sie ihnen die Lebensgeschichten in die Gesichter geschnitzt haben. Mein Schülerpraktikum in der Werkstatt des Puppentheaters Berlin hatte mir gezeigt, dass der Voodoogedanke den Herstellern der beweglichen Charaktere durchaus bewusst ist. Wenn eine abgespielte Puppe nicht mehr repariert werden konnte, sondern weggeschmissen wurde, stach einer der Mitarbeiter ihr vorher genüsslich die Augen aus.

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© Franziska Hauser

Ich komme mir unheimlich beobachtet vor. Es ist ein Gefühl aus Begeisterung und Grusel. Ambivalent, wie wenn man etwas Köstliches isst und sich dabei auf die Zunge beißt. Schmerz und Genuss begegnen sich nicht nur im selben Moment, sondern auch am selben Ort. Ich beschließe, mit den Puppen zu reden, um mich nicht weiter von ihrer verwirrenden Übermacht einschüchtern zu lassen. Schließlich bin ich hier, um Fotos zu machen für die Webseite der Schauspielschule. Einige Puppen hängen in besonders unbequemen Positionen am Geländer, haben Halterungsgurte unter den Nasen oder um den Hals. Sie lassen sich trotzdem bereitwillig fotografieren und scheinen erhaben über ihre missliche Lage. Andere drehen sich immer wieder weg, lassen sich in keine günstige Position zwingen. „Komm, Mutti, bleib mal jetzt einfach so“, murmle ich. Aber Mutti macht nicht mit. Ich finde einen großen Matrosen und eine kleine alte Frau, die neben ihm hängt. Sie berührt seine Hand und sieht flehend zu ihm auf. Er guckt aber aus dem Fenster. Hinter ihnen hängen feine Leute. Eine Dame und ein Herr hängen so nah beieinander, als würde sie sich gerne küssen wollen. Ich schiebe sie zusammen und plötzlich sehe ich in allen Bereichen dieser riesigen vollgehängten Wände versteckte Vorgänge. Überall Szenen. Eine Mädchenpuppe sieht verächtlich auf ihre identische Schwester herab, die keinen Kopf mehr hat. Eine Gans in Sportjacke schlägt ihren Flügel einem brutalen Bauerngesicht auf den Hinterkopf. Ein Geist lacht eine Gruppe junger Arbeiter aus. Eine schöne Frau im engen roten Dress sieht hochnäsig an einem Mädchen in Schürze vorbei. Eine friedliche, dicke, tote Frau lehnt ihren schweren Holzkopf an den weichen Wollpullover eines erschrockenen Mannes. Über den beiden hängt ein Schild: „Der Selbstmörder“. Drei nackte Frauen hängen isoliert in einer Ecke und scheinen über die anderen zu reden. Aus einer Kiste glotzen mich Monsterköpfe an, deren Gummimilch alt und verschrumpelt ist, wie mumifizierte Haut. Mir fällt ein, wie sehr es mich als Kind erschreckt hatte, als ich nach einer Aufführung im Puppentheater hinter der Bühne die Prinzessin mit dem bösen Ritter zusammen sah. Sie rauchten und er hatte seine Hand auf ihrem Bein.

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© Franziska Hauser

Jeder redet hier mit jedem, alle Geschichten sind heillos vermischt, und ich habe das Gefühl, als würde es immer lauter werden um mich herum. Wie ein Tosen höre ich jetzt das Geschwatze und Gelache, als wäre Pause in der Theaterkantine. Der Mörder trinkt ein Bier mit dem Polizisten, alle sind in ihrer Rolle, aber niemand führt die Regie. Die Puppen können ihre Kostüme nach der Vorstellung nicht ausziehen, ihre Masken nicht ablegen, ihre Rollen nicht wechseln. Sie können nur warten, bis jemand kommt, sie vom Haken nimmt und sprechen lässt. Dazu sind sie da. Und ich bin hier, um die Regie zu führen. Ein grünes Mädchen und einen blauen Jungen nehme ich herunter, stelle sie in einen Koffer und lasse sie miteinander flirten. Sie tun, was ich will und endlich habe ich meine Autorität als inszenierende Fotografin wiedergefunden.

Jetzt sind die Figuren nur noch leblose Materialien. Gebaute, geklebte, geschnitzte. Tot und haltbar. Ich ziehe die Vorhänge wieder zu, schließe die Brandschutztür hinter mir und als ich den Schlüssel ein zweites Mal drehe, höre ich leise, wie sie drinnen wieder anfangen zu reden. Über mich.

Franziska Hauser, 2015

1. Oktober 2015

Experiment mit Druckluft #1

Für das Stück „Der kleine Muck“, welches in Kooperation mit dem Maxim Gorki Theater entstanden ist, wurde mit Druckluft experimentiert. Im Bild Tobias Eisenkrämer, 3. Studienjahr (38. Jahrgang/2013), Prof. Markus Joss (Leiter des Studiengangs Zeitgenössische Puppenspielkunst) und Ingo Mewes (Werkstatt der Abteilung Zeitgenössische Puppenspielkunst).